collectio imprimere

 

Geradezu wissenschaftlich sammelt und sortiert Kristin Finsterbusch Fundstücke aus der Welt der Flora und Fauna. Diese gefundenen Gegenstände, zu denen Larven, Flügel und Körperteile ebenso gehören getrocknete Früchte, Blüten und Blätter, fließen dabei in ihre Arbeiten ein.

 

Filigrane Bleistift und Farbstiftzeichnungen gehören gegenwärtig zum bevorzugten Genre der Künstlerin Kristin Finsterbusch. Sie dringt in ihren neueren, floralen Arebiten: "collectio natura" und collectio imprimere" bis in die feinsten Details von Blattwerk, Blüten und Kleingetier vor, so dass der Betrachter sich in diesen Arbeiten verliert. Es gelingt ihr mit feiner Linie die Natur in ihrer Größe und Schönheit darzustellen. Es sind keine Abbildungen wissenschaftlicher Benennungen und Sortierungen, sondern das natürliche Chaos der Natur, das alles miteinander verbindet und nebeneinander bestehen lässt. Doch bei genauerem Hinsehen fällt auf, das die Zeichnungen auch Stacheln und Dornen, Scheren und Werkzeuge zur Erhaltung der Art und Fortpflanzung erkennen lassen. Damit weisen sie eher forschende als romatische Bezüge auf und können somit zugleich in unterschiedlichen Dimensionen und Sphären wahrgenommen werden. Natürlich und spannend, wie ein evolutionärer Prozess, der den Blick in eine andere Sphäre freigibt.

 

Die Faszination der Zeichnung liegt für Kristin Finsterbusch besonders in der Möglichkeit des Abstrahierens, die für sie darin besteht, die ursprüngliche Gestalt zu verfremden, in ungewöhnliche Beziehungen zu setzen und durch Farbe neu zu gestalten.Ihr Augenmerk gilt dem Unauffälligen, Kleinen und Naheliegenden, das, wenn es einmal in den Zeichenstrom aufgenommen ist, ein Eigenleben entwickelt.

 

Kristin Finsterbusch studierte nach der Wende an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Freie Kunst. Hier lernte sie vor allem die Druckgrafik kennen, die sie besonders geprägt hat und bis heute begleitet. Ihren eigenen Ausdruck findet die Künstlerin in der Lithografie und der Radierung. Neben der zeichnerischen Verfremdung spielt sie in ihren Zeichnungen mit der Realität, unseren Sehgewohnheiten und der vermeintlichen Fiktion. In ihren neuesten Arbeiten spielt das Foto eine bedeutende Rolle.

 

Seit 1999 hat Kristin Finsterbusch Lehraufträge an der Universität Würzburg. Vor drei Jahren hat sie die Leitung der Druckwerkstatt des BBK, im Kulturspeicher übernommen. Durch ihre künstlerische Integrität und ihre technische Fertigkeit hat sie dem Kunstdruck in Würzburg neue Impulse verliehen und die Druckwerkstatt des BBK in den Stand einer Institution erhoben.

 

Reiner Jünger, März 2018

LUST AUF GUT, Ausgabe 116


Drei verschiedene zeichnerische Denk- und Arbeitsweisen sind in der Ausstellung „Stopgucker Kraftraum“ zu sehen. Das Ornament, die Schriftkunst und fiktiv-reale Welten. Auf den ersten Blick betrachtet scheinen sie wenig miteinander gemein zu haben. Doch verbindet sie alle drei die Zeichnung. Feser und Finsterbusch, fast ausschließlich der Zeichnung verpflichtet und Vogtmann, im Grenzbereich zwischen Zeichnung und Malerei beheimatet. Die Zeichnung, wie sie sich hier in der Ausstellung präsentiert, offenbart ihr Herzstück in der Linie. Ihr Charakter ist es, der die drei unterschiedlich arbeitenden Künstlerinnen beeindruckt und beeinflusst. Dessen Wirkung ist in teils voluminöser Dichte, in Einsamkeit und Stille und in kraftvoller Bewegung zu sehen. Man begegnet ihr in Zuständen der Konzentration, Kraft und Schnelligkeit. Doch nicht allein die Linie auf Papier ist bezeichnend für diese Ausstellung. Der Reiz der Veränderung ist groß. Und so entstehen unter anderem superkleine, kreisrunde Druckgrafiken sowie Grafit- und Farbstiftkosmen auf manchmal fast transparentem Papier (Finsterbusch), Arbeiten mit höchst gegensätzlichem Material wie Tusche auf Japanseide, Acrylfarben, toskanische Erden und Sand auf Papier (Vogtmann), sowie Tuschelinien gebannt in Interferenzen, Verdrehungen und Verformungen, ja sogar das Aufsaugen und Schütteln mittels digitalem Staubsauger (Feser). Der Entdeckergeist geht immer parallel zur Zeichnung, könnte er doch die Gelegenheit einer Neuheit verpassen. Diese würde sich im Detail, vor allem aber im Charakter der Linie offenbaren. Ob schlank, breit, flächig, kurz oder lang, unruhig oder ganz Konzentration und Kraft, immer verschwistert sie sich mit dem ihr zugewiesenen Inhalt. Sie ist eine Verwandlungskünstlerin, die jedem sich zeichnenden Gedanken Gestalt und Vielfalt verleiht.

 

 

Kristin Finsterbusch, 2016

Ausstellung Stopgucker Kraftraum


 

Kristin Finsterbusch zeichnet Landschaften als fiktive Topografie. Es entstehen imaginäre Pläne mit kartografischen Einträgen, ein Blick aus der Vogelperspektive. Doch erschließen sich diese Bedeutungen erst auf den zweiten Blick. Zunächst folgt das Auge Strukturen, Strudeln, deren Bewegungen sich verdichten oder auflösen, folgt man dem Fluss der Linien, die sich verdicken, bündeln um sich zu verzweigen, sich miteinander zu verknoten, sich überlagern. Dazwischen Strukturfelder, Zeichenkürzel etc. Gelegentlich auch kurze Schriftnotierungen, Bezeichnungen für vermeintliche Orts- oder Flussnamen oder Textzeilen, die in den Lithografien oft spiegelverkehrt erscheinen, was die Frage nahe legt, wie wichtig der Künstlerin die Entschlüsselung solcher Botschaften eigentlich ist. Alleiniges Mittel von Kristin Finsterbusch ist die Zeichnung, von wenigen Ausnahmen abgesehen schwarz-weiß. Zum Zeichenstift tritt der Pinsel, was besonders bei den Lithografien zu finden ist, denen meine besondere Liebe gilt.

Dabei entsteht grundsätzlich zwischen Zeichnungen und Lithgrafien formal kein Unterschied, es sind die gleichen Irrgärten, in die das Auge hineingezogen wird und fasziniert den vermeintlichen Pfaden, den Flussläufen folgt, in einer Siedlung verweilt, um sich dennoch hoffnungslos im komplizierten Geflecht der Zeichnung zu verirren.

Die Lithografien, deren technische Handhabung Kristin Finsterbusch meisterlich beherrscht - wahrlich keine Selbstverständlichkeit - verschafft ihr die Möglichkeit feinste Abstufungen von getuschten, lavierten Tonwerten, die verbunden mit der feinen Kreidezeichnung die strukturale Oberfläche dieser geschriebenen Gebilde zu entwickeln.

 

Malte Sartorius, 2004